Impulse zur Förderung von Offenohrigkeit (schülerorientierter Musikunterricht)
Das erwartet Sie im Webinar:
- Wertschätzender Umgang mit Aussagen wie „Das ist uncool“, „Das kenne ich nicht“ oder „Das will ich nicht machen“
- Unterscheidung zwischen „Innenansicht“ und „Außenansicht“ im schülerorientierten Musikunterricht
- Praktische Strategien, um fremde Musikgenres kind- und jugendnah zugänglich zu machen
- Einsatz des „Vorhör-Nachhör“-Prinzips zur Reflexion von Hörgewohnheiten und Musikgeschmack
- Praxisbeispiele mit Volkslied, Instrumentalmusik, Klassik, Bewegung, Spiel und Performance
- Förderung von Offenheit, Toleranz und respektvollem Verhalten im Musikunterricht
- Impulse für Grundschule und Sekundarstufe I, um musikalische Vorbehalte produktiv zu nutzen
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Tipps zum wertschätzenden Umgang mit musikalischen Vorbehalten (Ira Dörr und Bettina Küntzel)
Wer kennt es nicht: Man hat einen tollen Song vorbereitet und einige Schüler*innen sind sofort begeistert, andere zeigen sich skeptisch gegenüber für sie vermeintlich langweilige oder schlicht unbekannte Musik. Doch wie kann es gelingen, musikalische Vorbehalte bei Kindern und Jugendlichen konstruktiv aufzugreifen? Wie kann schülerorientierter Musikunterricht gelingen?
Neben praxisnahen Impulsen zur Förderung von Offenohrigkeit geben die erfahrenen Referentinnen Ira Dörr und Bettina Küntzel auch Denkanstöße zur Demokratiebildung im Musikunterricht.


Ira Dörr
Ira Dörr ist Grundschullehrerin in Bochum und seit 2024 auch Ausbilderin für das Fach Musik am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Hagen. Sie bringt langjährige Unterrichtserfahrung mit und spielt in ihrer Freizeit in einer inklusiven Big Band der Musikschule Bochum.
Bettina Küntzel
Bettina Küntzel war Musiklehrerin in Lüneburg und unterrichtete an einer Oberschule und an einer Grundschule. Seit 25 Jahren ist sie Autorin und Herausgeberin musikpädagogischer Literatur, zum Beispiel des Grundschulwerks „Kolibri“ und der Zeitschrift „Popmusik in der Grundschule“. Seit über 30 Jahren ist sie in der Lehrerfortbildung aktiv und legt dabei den Schwerpunkt auf ihr Konzept des selbstbestimmten Lernens von Musik.
Schülerorientierter Musikunterricht: Musikalischen Vorbehalten wertschätzend begegnen
„Das ist viel zu uncool, das mache ich nicht!“ Viele Musiklehrkräfte kennen solche Sätze aus dem Unterricht. Sie entstehen oft genau dann, wenn man eine Stunde besonders sorgfältig vorbereitet hat: ein Lied, ein Arrangement, eine Hörsequenz oder eine kreative Aufgabe, die eigentlich motivieren soll. Statt Begeisterung kommt Ablehnung – manchmal laut ausgesprochen, manchmal nur durch Mimik, Körpersprache oder demonstratives Nicht-Mitmachen.
Dieses Webinar der Lugert Akademie setzt genau an diesem Punkt an. Es zeigt, wie Lehrkräfte in Grundschule und Sekundarstufe I musikalischen Vorbehalten wertschätzend begegnen können, ohne in Rechtfertigung, Druck oder Frustration zu geraten. Im Mittelpunkt steht ein schülerorientierter Musikunterricht, der Musikgeschmack ernst nimmt, aber zugleich neue musikalische Erfahrungsräume eröffnet.
Warum musikalische Ablehnung kein Scheitern ist
Wenn Schülerinnen und Schüler Musik ablehnen, steckt dahinter selten reine Verweigerung. Häufig geht es um Fremdheit, Unsicherheit, fehlende Hörgewohnheiten oder um die Frage: Passt diese Musik zu mir und zu meinem Selbstbild? Gerade ab der dritten oder vierten Klasse wird Musik zunehmend Teil der eigenen Identität. In der Sekundarstufe I verstärkt sich dieser Prozess: Musikgeschmack wird sozial bedeutsam, grenzt ab, verbindet und entscheidet mit darüber, was als „cool“ oder „peinlich“ gilt.
Das Webinar macht deutlich: Ablehnung kann ein wertvoller Ausgangspunkt für Lernprozesse sein. Denn wo ein Vorbehalt sichtbar wird, kann Musikunterricht ansetzen. Lehrkräfte müssen nicht erreichen, dass alle Kinder und Jugendlichen dieselbe Musik mögen. Ziel ist vielmehr, eine offene, neugierige und respektvolle Haltung gegenüber Musik zu fördern. Schülerinnen und Schüler dürfen Musik weiterhin nicht mögen – aber sie lernen, sich aktiv, differenziert und wertschätzend mit ihr auseinanderzusetzen.
Innenansicht und Außenansicht im Musikunterricht
Ein zentrales Denkmodell des Webinars ist die Unterscheidung zwischen „Innenansicht“ und „Außenansicht“. Die Innenansicht beschreibt die Musik der Schülerinnen und Schüler: ihre Songs, ihre Hörgewohnheiten, ihre Bewegungen, ihre kulturellen Bezüge und ihre musikalischen Ausdrucksformen. Hier übernimmt die Lehrkraft vor allem eine koordinierende und unterstützende Rolle. Sie muss die Musik nicht persönlich mögen, sondern ermöglicht, dass die Lerngruppe daraus ein gemeinsames musikalisches Produkt entwickelt.
Die Außenansicht dagegen meint musikalische Inhalte, die von der Lehrkraft, vom Lehrplan oder aus fachlichen Bildungszielen heraus eingebracht werden. Das können klassische Musik, Oper, Volkslieder, Instrumentalmusik, Schlager oder andere für die Lerngruppe zunächst fremde Genres sein. Entscheidend ist die Transparenz: Diese Musik kommt nicht aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, sondern wird ihnen als neue Erfahrung angeboten. Gerade dadurch kann schülerorientierter Musikunterricht ehrlich und professionell bleiben.
Musikgeschmack reflektieren mit dem Vorhör-Nachhör-Prinzip
Ein besonders praxisnahes Werkzeug aus dem Webinar ist das „Vorhör-Nachhör“-Prinzip. Die Schülerinnen und Schüler hören ein Musikstück zunächst an und halten ihre erste Reaktion fest – zum Beispiel auf einer Smiley-Skala oder mit wenigen Worten. Nach einer aktiven Auseinandersetzung mit der Musik wird erneut reflektiert: Hat sich meine Wahrnehmung verändert? Was ist mir aufgefallen? Welche Stelle fand ich interessant, witzig, anstrengend oder überraschend?
Diese Methode unterstützt einen bewussten Umgang mit Hörgewohnheiten. Sie zeigt Kindern und Jugendlichen, dass Musikgeschmack nicht starr ist. Eine zunächst abgelehnte Musik kann durch Bewegung, Spiel, Instrumentalaktion, Geschichte oder gemeinsames Musizieren anders erlebt werden. Gleichzeitig bleibt Raum für ehrliche Einschätzungen: Nicht jede Meinung muss sich verändern. Entscheidend ist, dass die Auseinandersetzung stattfindet.
Praxisideen: Von „uncool“ zu aktiv beteiligt
Das Webinar bietet mehrere konkrete Unterrichtsbeispiele, die zeigen, wie musikalische Vorbehalte produktiv gewendet werden können. Ein Volkslied wie „Es regnet, es regnet“ wird nicht einfach nur gesungen, sondern mit Gläsern, Wasserklängen und improvisierten Soli verbunden. Dadurch entsteht ein spielerischer Zugang, der das Lied neu auflädt und Schülerinnen und Schüler aktiv beteiligt.
Auch Instrumentalmusik, die zunächst als langweilig oder fremd empfunden wird, kann über Geschichten, Rollen und Bewegung zugänglich werden. Im Webinar wird beispielsweise eine musikalische Szene mit Haifischen, kleinen Fischen und Netzen beschrieben, bei der musikalische Parameter wie schnell, langsam, bedrohlich oder fröhlich körperlich erfahrbar werden. So wird aus bloßem Hören ein gemeinsames Spiel, das musikalisches Verstehen fördert.
Ein weiteres Beispiel zeigt, dass selbst ein alter Schlager wie der „Badewannentango“ funktionieren kann, wenn er mit Humor, Bewegung und Performance verbunden wird. Kinder und Jugendliche lassen sich oft eher auf vermeintlich „uncooles“ Material ein, wenn die Aufgabe klar, aktivierend und genregerecht gestaltet ist.
Respekt als Grundlage für offenen Musikunterricht
Ein wichtiger Aspekt des Webinars ist der Umgang mit sichtbarer Abwertung. Sich die Ohren zuzuhalten, demonstrativ zu stöhnen oder Musik anderer lächerlich zu machen, wird nicht als harmlose Meinungsäußerung verstanden, sondern als Thema für Unterrichtsgespräch, Klassenrat oder klare pädagogische Intervention. Wertschätzung bedeutet nicht, alles gut finden zu müssen. Sie bedeutet, respektvoll mit Musik, Menschen und unterschiedlichen Geschmäckern umzugehen.
Genau hier liegt die Stärke eines schülerorientierten Musikunterrichts: Er verbindet Mitbestimmung mit fachlicher Führung. Schülerinnen und Schüler bringen ihre musikalische Welt ein, begegnen aber zugleich Musik, die sie noch nicht kennen. Lehrkräfte schaffen dafür motivierende Zugänge, setzen klare Grenzen bei Respektlosigkeit und eröffnen Lernräume, in denen musikalische Offenheit wachsen kann.
Für wen ist dieses Webinar geeignet?
Das Webinar richtet sich an Musiklehrkräfte in der Grundschule und Sekundarstufe I, die mit musikalischer Ablehnung souveräner umgehen möchten. Besonders hilfreich ist es für Lehrkräfte, die ihren Musikunterricht stärker an den Schülerinnen und Schülern orientieren wollen, ohne auf fachliche Inhalte, Lehrplanbezüge und musikalische Vielfalt zu verzichten.
Wer nach praxiserprobten Methoden sucht, um Musikgeschmack, Hörgewohnheiten, Toleranz und aktive Beteiligung im Unterricht zu thematisieren, erhält in diesem Webinar konkrete Impulse. Es zeigt, wie aus Vorbehalten Lernchancen werden – und wie Musikunterricht auch dann gelingen kann, wenn der erste Kommentar lautet: „Das ist viel zu uncool.“
